lalalaladebalken
Sep 17, 2018

Denkernaturen

Laut der deutschen Webseite der Caritas bezeichnet „Sucht“ die Abhängigkeit von einer Substanz oder einer bestimmten Verhaltensweise, bei der der Betroffene keine Selbstkontrolle mehr hat.

Während die substanzbezogene Sucht den Zwang beschreibt, Substanzen wie Alkohol oder Drogen zu konsumieren, versuchen verhaltensbezogene Abhängige belastende Gefühle durch beispielsweise Glücksspiele zu vermeiden. Sucht ist eine anerkannte Krankheit.

So viel dazu.

 

Während ich in der Bahn sitze und aus dem Fenster meinen Gedanken nachschaue, setzt sich mir gegenüber ein Mann auf einen Sitz. Als sich der Zug langsam wieder in Bewegung setzt, spüre ich, wie er mich ansieht. Wie unangenehm. In der Spiegelung der Scheibe kann ich einen Blick auf mein Gegenüber erhaschen. Er sieht okay aus. Und damit meine ich: nicht bedrohlich. Lichtes Haar, strubbeliger Bart, kleiner Bierbauch, etwa 40 Jahre alt und randlose Brille. Irgendwie erinnert er mich an den klassischen Herbert, der eine Wohnung weiter mit seiner Mutter wohnt. I don’t jugde.

Keiner kennt den Pizza-Boten so gut wie er.

Ich entscheide mich also furchtlos meinen Kopf zu drehen und ihn anzuschauen. Jetzt sehe ich sein verwaschenes Metal-Shirt und bemerke außerdem, dass er nicht mich ansieht, sondern meine Tattoos. Mein inneres Ich schnaubt und verdreht die Augen. Zugegeben, ich sitze dem Wetter entsprechend in einem knielangen Kleid mit Spaghettiträgern da. Es dauert kurz, bis er sich von meinem Schienbein losreißen kann und meinen Blick bemerkt. Verlegen schaut er kurz zur Seite, nimmt sich aber dann doch den Mut und murmelt „voll schön.“

Fakt ist: Nur weil ich tätowiert bin spreche ich nicht zwangsläufig gerne über meine Tattoos. Ich hasse es. Ich habe kein Interesse daran, jedem dahergelaufenen „Fan“ oder „Gleichgesinnten“ Bedeutung und Bums zu erklären. Aber mit der Zeit habe ich gelernt auch einfach nett gemeinte und unbeholfene Komplimente anzunehmen und geschickt das Thema zu wechseln. Ist ja lieb gemeint.

Deshalb bedanke ich mich kurz mit meinem höflichsten Lächeln und blicke wieder aus dem Fenster. Kurz denke ich, das Thema hat sich erledigt. „Was bedeutet das?“ schiebt er allerdings kurz darauf eine Frage nach und deutet mit seinem wurstigen Zeigefinger auf meine Wade.

„Nichts. Ist einfach nur schön.“ – witzig eigentlich, wo er gerade auf eins der Motiven gedeutet hatte in denen Hirnschmalz und Herz steckt. Ein bisschen entsetzt und irritiert schaut er mich an.

„Also für mich müssen die IMMER eine Bedeutung haben. Ich hab auch auch eins.“ Unaufgefordert zieht er also den Ärmel seine T-Shirts nach oben und präsentiert mir einen Totenkopf. Der Tattoo-Person-Kontrast könnte größer nicht sein. Da ich weiß, wie viel ihm das gerade bedeutet bemühe ich mich zu einem bewundernden „wow“ und überlege noch im selben Moment wie viele Stationen noch vor mir liegen. Noch ehe ich mich versehe, zieht er auch schon sein Hosenbein nach oben und präsentiert mir einen Drachen auf seiner Wade, der durch ein Dickicht von Beinbehaarung zu mir herauf schaut. Irgendwas hat er mir auch dazu erzählt, aber das weiß ich nicht mehr.

Ich bin weiterhin bemüht ehrfürchtig und versuche unauffällig mein Kleid über meine Knie zu ziehen, doch es ist zu spät. „Du hast auch noch mehr oder?“ ein auffordernder Blick in Richtung meiner Oberschenkel sollte mir wohl sagen, dass ich jetzt dran bin mit auspacken. Ja ne is klar. So beiläufig wie möglich winke ich mit der Hand hab und sage „ja ein paar aber nix Besonderes.“

Zum Glück lässt er von der geforderten Enthüllung ab und schaut mir mit glasig funkelnden Augen und rötlichen Wangen ins Gesicht. „macht halt einfach süchtig, nich?“

Betroffene haben keine Selbstkontrolle mehr und versuchen belastende Gefühle durch Konsum oder Verhaltensweisen zu vermeiden.

Mein inneres Ich läuft einmal mit voller Wucht gegen die Wand und schlägt ein paar Mal den Kopf dagegen. Ich weiß, dass diese „Tattoo-Sucht“ für viele ein Thema ist, um sich mit einer Gruppe zu identifizieren. Aber was ich nicht verstehe ist, warum man sich nicht überlegt, welche Message in diesem „macht einfach süchtig“ steckt. Da gibt es jetzt zwei Möglichkeiten und beide gefallen mir nicht besonders:

Die Schmerz-Sucht: Sage ich, meine Tattoos haben keine Bedeutung (SHAME ON ME! Was habe ich da schon Verachtung für bekommen.) würde es dann heißen, dass ich süchtig nach dem Schmerz bin? Und das bin ich tatsächlich nicht. Tätowieren ist scheiße. Es tut weh, es stinkt und es nervt bis es abgeheilt ist. Warum sollte man danach süchtig werden wenn man nicht gerade hardcore masochistisch ist?

Die Bedeutungs-Sucht: Die zweite Möglichkeit ist eventuell, dass man süchtig danach ist irgendeinen bedeutungsvollen Quatsch verewigen lassen zu müssen. Ganz ehrich, so viel habe ich noch gar nicht erlebt, als dass ich dieser Aufgabe gerecht werden könnte.

Eine dritte Option wäre dann noch die Sucht nach dem eigenen Spiegelbild? Aber dann ist das keine Tattoo-Sucht mehr. Oder? Was also bedeutet das „macht halt süchtig.“ überhaupt und wieso sagt man das?

Sucht ist eine anerkannte Krankheit.

Noch immer blickt mich der Herbert-Verschnitt durch seine verschmierten Brillengläser an und wartet auf eine Antwort. Ich verziehe mein Gesicht zu einem ausdruckslosen Lächeln und sage „ja. Ich kann einfach nicht aufhören.“

Als ich aussteige winkt er mir noch aufgeregt hinterher und freut sich. Und das freut mich. Komm gut nach Hause Herbert.

Manchmal nervt mich meine Denkernatur.